Gespräch mit Mary Gordon

Menschliche Berührung ist lebensnotwendig für Babys

Vor zwanzig Jahren rief Mary Gordon das Programm „Roots of Empathy“ ins Leben, ein in Toronto entwickeltes schulisches Programm, das positives Sozialverhalten fördern und Aggression oder Mobbing unter Schülerinnen und Schülern verhindern soll. Wir sprachen mit ihr über das Programm und die Auswirkungen menschlicher Berührung.

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Die Idee des Programms

Mary, die Kernidee des Programms ist, dass Eltern ihr Baby in eine Grundschulklasse mitbringen, in der die Kinder lernen, die Gefühle des Babys zu lesen. Welche Rolle spielt Berührung bei der Interaktion mit den Kindern und dem Baby im Klassenzimmer?

Berührung spielt in „Roots of Empathy“ eine ganz wesentliche Rolle. Zunächst durch die Bindung und Beziehung oder das liebevolle Verhältnis zwischen Eltern und Kind. Wir erklären den Kindern, dass Babys nicht mit Worten kommunizieren können. Sie kommunizieren durch Berührungen, Laute und Körpersprache. Die Kinder lernen zu verstehen, wie wichtig Berührung für das Gedeihen eines Babys ist. Dass Babys, die nicht geliebkost, gewiegt und gestreichelt werden, ständig hungrig nach menschlicher Nähe sind. Menschliche Berührung ist tatsächlich lebensnotwendig für Babys! Die Kinder lernen, dass ein sicheres, glückliches Verhältnis zwischen Eltern und Baby am leichtesten durch Berührung verwirklichlicht wird, und dass Eltern praktisch mit ihrem Baby sprechen, wenn sie es berühren. Berührung ist die Sprache der Beziehung. Es ist auch wichtig, dass die Schulkinder das Baby berühren dürfen. Wenn die Kinder im Kreis um die grüne Decke für das Baby singen, berühren sie seine Zehen, Füsse oder Beine. Jedes Kind darf das Baby berühren. Berührung ist die erste menschliche Verbindung. Wir wissen aus der Wissenschaft, dass Berührung das Hormon Oxytocin erhöht, und sich die Kinder glücklicher, entspannter und solidarischer fühlen.

“Wir alle haben das Recht, ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ zu sagen - das ist alles, was wir sagen wollen.”

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Die Rolle des Babys

Ein Programm wie „Roots of Empathy“ macht deutlich, dass ein erheblicher Teil der Kinder nicht die Chance hat, in einem sozialen Kontext aufzuwachsen, der von Empathie und „positiver Berührung“ geprägt ist. Wie sorgen Sie in Ihrem Programm dafür, dass die Berührungen für das Baby, die Mutter, den Vater, Lehrer oder Lehrerin und die Schülerinnen und Schüler eine positive Erfahrung darstellen?

Es ist extrem wichtig, dass die Kinder ihren eigenen Körper und die Grenzen zu anderen Menschen respektieren lernen. Hier ein Beispiel, wie wir dies umsetzen: Wir fragen das Baby, ob wir es hochheben dürfen. Dann fragt der Lehrer oder die Lehrerin die Kinder: „Was denkt ihr, dass das Baby uns sagt?“ Die Kinder müssen die Hinweise des Babys lesen, um zu verstehen, ob das Baby ‚ja‘ oder ‚nein‘ sagt. Sehr oft legen wir es auf eine solche Situation an. Der Lehrer oder die Lehrerin sagt dann: „Ihr sagt, dass das Baby ‚nein‘ meint. In dem Fall heben wir das Baby natürlich nicht hoch. Lasst uns sehen, was passiert, wenn Mama oder Papa das Baby fragen.“ Dann ist das Baby natürlich begeistert, und die Kinder sehen den grossen Unterschied in der Reaktion des Babys. Wir alle haben das Recht, ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ zu sagen - das ist alles, was wir sagen wollen.

“Ich bin absolut überzeugt, dass Berührung die menschlichste Verbindung ist, die wir haben können.”

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Die Rolle der Kinder

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Berührung für die Entwicklung von Kindern allgemein? Sie sprachen über die Babys, aber wie ist es für die Kinder, die Sie in Ihrem Programm erleben?

Was die geistige und emotionale Entwicklung von Kindern betrifft, so glauben wir, dass die Verbindung zum Gefühl, geliebt zu werden und sicher zu sein, durch Berührung vermittelt wird. Wenn wir uns in die sehr frühe Kindheit zurückversetzen, erinnern wir uns an Kuscheln und daran geschaukelt und getragen zu werden. Einem geliebten Kind hält man die Hand, man nimmt es in den Arm. Ein solches Kind hat das Gefühl von Familie, von Zusammensein und das Gefühl der Verbundenheit zur Berührung. Wenn man an die Vorrangigkeit des Tastsinns im Kleinkindalter im Vergleich zu den anderen Sinnen denkt, erkennt man, welch gross Bedeutung die Berührung für unsere Entwicklung hat. Mit ihrer Forschung an Frühgeborenen konnte Tiffany Field (Professorin für Pädiatrie, Psychologie und Psychiatrie an der University of Miami School of Medicine und Direktorin des Touch Research Institute) ein phänomenales Entwicklungswachstum und Gewichtszunahme bei Säuglingen erleben, als sie dafür sorgte, dass eine liebevolle Hand die Babys im Brutkasten streichelte. Ich denke, Berührung ist etwas, das über Alter, Generation, Kultur und Sprache hinausreicht. Berührung ist eine universelle Sprache und ich bin absolut überzeugt, dass Berührung die menschlichste Verbindung ist, die wir haben können.

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Der Durchbruch des kleinen Jungen

Es gibt wahrscheinlich viele bewegende Berührungsgeschichten aus dem Programm „Roots of Empathy“. Aber haben Sie eine Lieblingsgeschichte, die Sie mit uns teilen möchten?

Vor einiger Zeit, wahrscheinlich 1998 oder 1999, gab es einen kleinen Jungen in einer zweiten Klasse. Er war in einer Pflegefamilie und ein sehr aggressives kleines Kind. Die Schule hatte im Jahr zuvor bereits an „Roots of Empathy“ teilgenommen und der Lehrer rief mich an und sagte: „Mary, ich bin so traurig, aber wir können dieses Jahr „Roots of Empathy“ nicht anbieten. Wir haben einen sehr gewalttätigen kleinen Jungen, der grundlos beisst, spuckt und tritt. Ich kann die Verantwortung für die Sicherheit eines Babys im Klassenzimmer einfach nicht übernehmen.“ Also sprach ich mit der Mutter, die wir bereits ausgewählt hatten. Ich sagte ihr, dass die Klassenlehrer um die Sicherheit ihres Babys besorgt sei. Sie fragte zurück, ob alle Kinder wegen dieses einen Kindes die Chance verpassen würden, an dem Programm teilzunehmen. Trotz all meiner Bedenken bezüglich der Sicherheit ihres Babys antwortete sie: „Machen Sie sich keine Gedanken. Ich bringe meinen Mann mit. Er wird auf der einen Seite von mir und dem Baby sitzen und der Lehrer auf der anderen.“ Beim dritten Besuch lud die Mutter den kleinen Jungen ein, sich direkt neben sie und das Baby zu setzen. Und dieser kleine Junge hatte nie gelächelt! Das Baby legte sein Bein auf das Bein des kleinen Jungen, der gerade vom Sportunterricht zurückgekommen war. Alle Kinder waren in kurzen Hosen, und die Haut des kleinen Babys berührte seine Haut. Und dann wandte er sich dem Baby zu und schenkte ihm sein erstes Lächeln. Der Lehrer sagte, es sei die Kraft dieser Berührung, dieses kleinen Beinchens an seinem Bein, die das geschafft haben. Vielleicht lag es gar nicht an der Kraft der Berührung, aber jeder schien zu glauben, dass es so war. Ich glaube es auch. Und es war der Durchbruch für den kleinen Jungen.

Mary Gordon

Mary Gordon

Gründerin und Präsidentin von Roots of Empathy in Toronto

Mary Gordon ist eine international anerkannte, preisgekrönte soziale Unternehmerin, Pädagogin und Autorin, die Programme gegründet hat, bei denen es um die Kraft der Empathie geht. Mary Gordons Ziel ist es, durch die Entwicklung von Empathie bei Kindern und Erwachsenen fürsorgliche, friedliche und zivile Gesellschaften aufzubauen. Ihr Buch Roots of Empathy: Changing the World Child by Child ist in mehreren Sprachen erhältlich.